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Qualität im Orient

Qualität im Orient

Ein Sultan lebte glücklich und zufrieden in seinem Palast. Einen Wunsch hatte er jedoch noch: er wünschte sich mehr Planung und Ordnung in seinem Palast und mehr Gehorsam von seinen Dienern. Dann müßte er auch weniger Hinrichtungen vollstrecken lassen. Er rief einen weisen Wesir zu sich: „Sorge für mehr Ordnung, gib strengere Regeln vor und sieh zu, daß sie auch eingehalten werden“ befahl er.
Der Wesir war ein weiser Mann. Sofort setzte er sich hin und verfaßte ein dickes Buch, in dem er alle Regeln aufschrieb, nach denen von nun an im Palast gearbeitet werden mußte. Dieses Buch der Weisheit ließ er an alle Oberaufseher verteilen. Diese sollten alle, bis zum letzten Diener, nach diesem Buch der Weisheit einschulen. Nun würde alles wie am Schnürchen laufen und der Sultan würde ihn vielleicht sogar belohnen.

Doch es kam alles ganz anders. Die Unordnung wurde größer als je zuvor. Jeder beteuerte zwar, alles so zu tun, wie es gefordert worden war, aber manche Dinge dauerten ab jetzt länger als zuvor, so manche Arbeiten wurden ungenauer verrichtet, die Zahl der Hinrichtungen stieg sogar an und eine immer größere Anzahl des Hofstaates entfloh. Der Sultan beschuldigte seinen Wesir und drohte auch ihm mit der Todesstrafe. Trotzdem wurde alles immer nur schlimmer. Dies bekümmerte auch den Sultan sehr. Er wollte genauer wissen, warum alles diesen Lauf genommen hatte. So verkleidete er sich als einfacher Mann und verdingte sich in seinem eigenen Palast als Diener. Natürlich hatte er sich erwartet, daß alle seine Bediensteten Respekt vor dem Sultan hatten und sehr sorgfältig darum bemüht waren, ihn nur ja zufriedenzustellen und bestmöglichst zu bedienen. Daß aber alle nur in Schrecken und Angst herumliefen und um ihr Leben bangten war doch erschütternd anzusehen. Niemand erledigte seine Aufgaben gerne. Alle waren nur ängstlich darum bemüht, nach dem Buch der Weisheit zu leben. Da aber nicht einmal alle lesen konnten, mußten sie sehr oft jemanden herbeirufen, der das doch konnte. Dabei ging viel Zeit verloren und alle meinten, daß viel mehr Fehler passierten, seit diese so streng geahndet wurden. Sein Wesir erschien immer wieder und schaute abwechselnd allen bei der Arbeit auf die Finger. Er war abgehetzt, mürrisch und bestrafte strenge. Um nur ja alles im Griff zu haben, schickte er auch Spitzel aus. Manchmal übersah er Fehler. Dann atmeten alle auf und waren froh, nicht bestraft worden zu sein. So wurden kleinere und größere Fehler nach Möglichkeit versteckt, aber nur selten behoben.

Dieses Vorgehen kostete viele Tumans. Der verkleidete Sultan fragte, ob es schon immer im Palast so zugegangen sei. „Nein“, hörte er immer wieder. Aber niemand getraute sich, mehr zu sagen. Nur ein alter Mann, der in der Küche mit ihm gemeinsam die Auberginen schälte, sagte, als er ein paar nicht genau nach den Regeln im Buch der Weisheit geschälte Auberginen schnell wegwarf: „Ich bin nur ein einfacher Mann. Ich kann nicht lesen und auch nicht schreiben. Aber ich kann meine Arbeit sehr gut tun. So geht es wahrscheinlich vielen hier. Warum fragt uns niemand, was und wie wir es tun. Das kann dann jemand im Buch der Weisheit aufschreiben und nachher müßte uns niemand mehr erklären, wie wir fortan zu arbeiten hätten. Wir würden es nicht vergessen und uns endlich ernst genommen fühlen. Unser Ziel in der Küche wäre dann einzig und allein, daß es dem Sultan schmeckt und wir auch die Reste sinnvoll verwerten. Wenn das der Sultan wüßte könnte er es seinem Wesir sagen. Die größte Freude wäre es für uns, wenn der Sultan selbst uns manchmal sagt, wenn er besonders zufrieden mit uns ist, Aber das können wir beide wohl sicher nicht ändern, oder?“

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Diese Geschichte haben wir vor 15 Jahren verfasst.
Ob sich diesbezüglich viel verändert hat ?

Edith Karl und Rudolf Pusterhofer

 

 

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